Arbeitsgemeinschaft MundART

Erstes MundARTseminar auf Schoss Rechtental

Mundartdichter-Treffen in Reinswald im SarntalAlles begann am 26. Juli 2003 mit vielen neugierigen und erwartungsvollen Schreibern der Mundart. An die 30 waren gekommen aus Nord-, Ost- und aus allen Landesteilen Südtirols, um in Referaten, Lesungen und Übungen einen Standort der Mundartdichtung zu bestimmen. 'Ist sie zeitgemäß, die Mundartdichtung?' - fragt der Referent und Autor Josef Feichtinger und konstruiert einen interessanten literaturhistorischen Abriss der Dialektdichtung, die ein Produkt des 19. Jahrhunderts wohl sei. Mit echter Wissbegierde des Gelehrten, führt er das Auditorium durch säuberliche Notizen der alpenländischen Dialektforschung (1821 Bairisches Wörterbuch, 1866 Tirolisches Idiotikon) und vergisst nicht in vielen Beispielen (Lutterotti, Hörmann,   Töchterle, Schönherr...) der dialektalen verschriftlichten Äußerungsform im Alpenraum ein Podium zu schaffen, welches ihr Dasein durchaus bestätigt und wertschätzt. 'Dialekt, das ist ein gesunder Organismus', er selber verwende ihn vor allem beim Stückeschreiben, wobei er darauf achte, dass es ein für alle lesbarer Dialekt sei. Das oberste Prinzip für rezipierende Theaterleute sollte es aber sein, die Melodie eines Dorfes wiederzugeben. In schöner Erinnerung denke er an eine Aufführung seines Volksstückes 'Gruamatzeit'  im Gsieser-Tal, wo er Schwierigkeiten hatte, sein eigenes Stück zu verstehen, denn die Sprache war stark 'gsieserisch' eingefärbt.

Zurück zur Mundartdichtung aber. Sollte auch sie so transparent sein? Gegenfrage: Wenn nicht verständlich für die Rezipienten - wozu dann? und - wenn für alle erfahrbar - dann muss man sich in einem Seminar der Mundartdichtung auch mit deren Inhalten auseinandersetzen. Taugt der Dialekt zum politischen Kampf? In Tirol bemerkt Feichtinger, gab es keine Zeile der Widerstandsliteratur, und er sagt es so, als wolle er hinzufügen, dass sie dafür getaugt hätte - und wie. Derweil fließen in die Dialektgedichte zeitgenössischer Autoren zarte sozial- und politsystem-kritische Vermerke eher leise ein als laut. Aber es gibt sie. Mundart kann ein sehr prägnantes Ausdrucksmittel sein. Luis Stefan Stecher zeigt uns das in seinen 'Korrnrliadrn', die unübersetzbar in die Hochsprache ein Exempel statuieren in unserer Dichterlandschaft.

Er hat die Sprache der einfachen Leute vor allem als reizvolles Stilmittel erkannt, H.C. Artmann, und sehr erfolgreich spielerisch damit experimentiert. Matthias Schönweger dürfte in ihm einen Paten gefunden haben.

Gerhard Mumelter hat sie in seinen Anthologien, 1970 und 1983, verschwiegen, die Tiroler Dialektschreiber. Hubert Brenn hat sich in seiner Anthologie nur ihrer angenommen, von Lutterotti bis Ende des 20. Jahrhunderts und ist auf die beachtenswerte Zahl von 96 gekommen. Wird dieses Autorenverzeichnis einen Anhang mit neuen Namen haben? Das denken wir doch. Muttersprache hat von ihrer Kraft nichts verloren, muss immer wieder herhalten, wenn es um Tiefenwirkung des Ausdrucks, des persönlichen Erlebens geht. Gefüttert und genährt mit Dialekt von Kindeswelten an, kann mancher Autor ihr nie entweichen, dieser Sprache des Leibes.

'Es gibt Dinge, die man im Dialekt besser hörbar und erlebbar machen kann', Margit von Elzenbaum nennt sie die 'unübersetzbaren Ebenen' und als Beispiele den Anflug der Freude oder die lähmende Trauer... In eindrucksvoller Weise klärt sie Übergänge von Gedanken und Gefühlen in die Dimension des Schreibens, den Akt der Verselbständigung von Sprache, ihr persönliches dichterisches Prinzip, ordnet dann auch diverse Ausdrucksformen zurecht, entdeckt in Übungen unter den Teilnehmern den idealen Volksstückeschreiber, den Gedankenlyriker, den Essayisten, den Dichter... Dialekt hat plötzlich unwahrscheinlich viele Anwendungen, unvorhergesehene literarische Möglichkeiten. Dichtung hat diese auch und beide zusammengenommen sind sie eine faszinierende Gattung: Mundartdichtung eben.

Inga Hosp gibt Impulse, die weiter tragen als nur bis hinein ins nächste Vereinshaus mit einem Anlassgedicht zur feierlichen Verabschiedung eines Würdenträgers. Die Germanistin mit bayerischen Wurzeln macht unmissverständlich deutlich, dass es nicht reichen wird, von der Wirklichkeit nur abzuschreiben, es gehe viel mehr um Auswahl und Fülle und den nach H.C.Artmann zitierten 'Bauch des Begreifens', Worte, die aneinandergefügt direkt ins Gemüt treffen, nicht in die gerührte Seele - nein nur ins Gemüt. Gertraud Patterer und Maridl Innerhofer bringt sie unmittelbar und leibhaftig an dieser Stelle in ihr Referat ein:

'Fuirige Fetzn fliagn ibern liachtblown Himml von Vinschg.
Schworz stiahn die Berg ibern finstrn Wold
Und schwar ligg 's Tol drzwischn.
Obr ins plant si dr blinde blowsilbrige Mun hintr blossrosige Welkelen.
Entn ban ifinger do isch schun olls grau.
A Gratsch grachazt aufgregg afn graupatn Paam.
Wos muansch, kimmp dr Schnea...?'(Es werd Nocht in Vellau. Maridl Innerhofer)


Inga Hosp appelliert an die kleine Welt der Heimat und ihre doch großen tiefgreifenden Bilder. Sie macht aufmerksam auf die Mundart mit ihren eignen Stilwerten, mit ihren völlig anderen Emotionalitäten, anderen Erfassungsweisen als der Hochsprache. Sie warnt auch, nämlich vor Geschwätzigkeit und sinnlosen Details. Präzision ist eine Kunst, die geübt sein will, auch von MundartdichterInnen.

Immer deutlicher resultiert aus der Begegnung in Tramin, dass der Dialekt auch gewissen Gesetzmäßigkeiten zu folgen hat. Der Dialektologe Franz Lanthaler versucht sie einzugrenzen, und es gelingt ihm gut. Es gibt Fehler in Dialektgedichten, die nicht sein dürften, falsche Satzstellungen, falsches Wortmaterial, falsche Rhythmen, falscher Reim. In Beispielen und mit beeindruckendem Fachwissen antwortet er sich zwei Stunden durch viele Fragen des Auditoriums. Er scheint sie alle zu kennen, die Tücken der Sprache und dann auch der Transkription. Einige der Möglichkeiten, Mundart zu transkribieren, will er gelten lassen, das Prinzip bleibt aber auch hier die Transparenz. Eine Möglichkeit wäre die Vereinheitlichung der Transkription, wie es in der Schweiz bereits geschieht, aber dagegen bäumen sich die Individualisten unter den Mundartschreibern auf wie Felsen in der Brandung - noch. Wehrhafte, aufbäumende, kritische Autoren scheinen  noch präsent in unserer Dichterlandschaft. Das beruhigt irgendwie.

Wird die Dialektliteratur, die Dialektdichtung ein Weilchen überleben?, lassen wir abschließend Josef Feichtinger fragen, nur noch der Form halber, denn wir haben die Antwort längst im Sinn. Ja doch - weil sie ständig mitwächst mit uns. Dialekt ist eine noch gelebte Sprache, die sich zwar mit uns ändert, sich wie wir anpasst und wieder nicht und doch. Niemand soll sich sorgen um die Verdrängung der Hochsprache durch den Dialekt. Die Ursachen für die uns angedichtete mangelnde Kompetenz darin ist anderswo zu suchen. Aber dies ist nicht unsre Diskussion. Unsere Angelegenheit ist der Dialekt, seine lebendige versprachlichte und verschriftlichte Form, sein literarisches Potential, das es gibt, sehr wohl. Hören Sie einmal nur hinein in die Dialekt-Romane der Gertraud Patterer!

Ganz am Ende noch kurz Josef Feichtingers Einleitungsfrage seines Referats: Ist die Mundart ein Fall für die Heimatpflege geworden? Der Heimatpflegeverband, der dieses Seminar organisiert hat und derzeit die Mundartdichter unter seiner Obhut hortet, wird sie nicht übel nehmen, sehr wohl wissend, dass alles, was nicht sonder gepflegt werden muss, um zu bestehen, besser ist als alles andere. Da ist man auf einem guten Weg und das Seminar auf Rechthental war ein wichtiger Impuls zur Wiederverselbständigung einer uns ureignen Sprachwelt. Diese hat meines Erachtens zu geschehen, unbedingt,  ohne Aufsehen, ohne Übertreibung aber auch ohne banale Abwertung. Banal ist nur, wer Sprachwerte nicht erkennt.

Renate Gamper
Vorsitzende der ARGE MundART im Heimatpflegeverband

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